Traumgeburt mit traumatischem Ausgang

Vielleicht erscheint es unpassend, aber gerade weil ein totes Kind etwas sehr schlimmes und nicht zu beschreibendes Erlebnis ist möchte ich weiterhin Dinge mit euch teilen. Und in all dem Leid und Schmerz suche ich die positiven Dinge, die mich in den letzten Tagen begleiten. Die Geburt ist eins davon, hier also mein Geburtsbericht:

Es ist Anfang Oktober,  noch einige Tage Zeit bis zum Geburtstermin und der beste Mann der Welt und ich sind ziemlich entspannt. Er fährt sogar 2 Tage zu seiner Familie nach ba-wü. Nach geburtsvorbereitender Akupunktur und nochmal Herztöne hören gehe ich nicht von einem baldigen Start aus und nutze die Zeit Zuhause. Am 2. Oktober watschel ich mit meiner Kugel noch zum Kinderarzt eine Unterschrift abholen und erledige Einkäufe fürs lange Wochenende. Mittags mümmel ich mich dann auf die Couch und plane den restlichen Tag zu entspannen.
Kurze Zeit später kommt mir die Sache komisch vor. Wehen? Kurz vor 1 mittags schreibe ich meinem Mann das ich rumwehe und es mich nervt. Mal abwarten und beobachten.
Zunächst Abstände von 6-8min, tw auch mehr wie 20. Nix regelmäßiges und ich erwarte eigentlich auch nicht mehr. Trotzdem notiere ich zur Kaffeezeit nochmal die Abstände: alle 4 min. Huch. Um 16.30h halte ich zur Sicherheit kurz Rücksprache mit Hebamme V. Alles kann, nichts muss. Ich bin also entspannt und gehe gegen 19 Uhr mit meinen Eltern essen. Gegen 21 Uhr bin ich daheim und teile dem Mann mit er solle sich nun doch lieber auf den Weg machen, da die Wehen nicht weniger werden.

Ich wehe weiter vor mich hin, veratme, achte auf Länge und Abstände. Nebenher läuft der Fernseher. Nachdem ich mich auf die Doku die ich gerade schaue nicht mehr konzentrieren kann wird mir bewusst das es nun wohl doch ernst wird. Passend dazu ist gegen Mitternacht mein Schatz auch Zuhause. Etwa eine Stunde wechsle ich zwischen Wehen verarmten und mit dem Mann quatschen. Wir diskutieren ab wann man wohl die Hebamme nochmal anrufen sollte. Ich beschließe nochmals auf Toilette zu wandern – das Platzen der Fruchtblase war nicht zu überhören, auch nicht für den Mann zwei Räume weiter. „Okay jetzt solltest du definitiv die Hebamme anrufen“ ist meine Erkenntnis kurz nach 1 Uhr nachts. Und wir sind noch gar nicht so richtig vorbereitet. Was tun wenn das Fruchtwasser rausläuft? Lösung: gelbe Säcke und alte Handtücher.
Um halb 2 kommt also V. und checkt mich kurz. Geburtsreif, alles weich, Gebärmutterhals fast weg, Herztöne gecheckt. Ich soll in den Wehenpausen schlafen bzw mich ausruhen und so zwischen 8 und 9 Uhr morgens dann ins Geburtshaus kommen oder anrufen.

Schnell stelle ich fest das ich Wehen im stehen besser veratme als auf der Couch. Zwischen 2 Uhr nachts und 7 Uhr morgens liege ich also auf dem Sofa, dämmere so vor mich hin und quäle mich hoch bei jeder Wehe. Zwischenzeitlich denke ich mir wie lang das noch so gehen soll, die Zeit scheint nicht zu vergehen. Glücklicherweise gelingt es aber dem Mann trotz meiner Stöhnerei irgendwie auf seiner Couchecke zu schlafen. Und ich entschuldige mich sogar bei unserer Katze das ich sie mitten in der Nacht durch mein Tönen wecke. Gegen halb 8 schleppe ich mich nochmal zur Toilette, der Druck nimmt zu. Pressen? V. meldet sich und sagt T. erwartet uns im Geburtshaus. Der Mann bringt unsere Sachen ins Auto und los geht’s ins Storchennest. 🙂

An der Tür werden wir herzlich empfangen und umarmt. Wir ziehen ins Geburtszimmer und ich mache weiter mit meinem Programm. Anfangs ist die Sprossenwand hilfreich. T. versucht ctg zu schreiben, Herztöne findet sie aber nur mit dem kleinen Gerät. Es dauert etwas bis sie mich untersuchen kann wegen der stetigen Presswehen, aber Muttermund ist quasi offen, da habe ich in der Nacht wohl gute Arbeit geleistet.

Weiter geht’s. Ich wechsle auf den Boden und knie mich vor das Bett. Das geht gut, atmen, Wehe, 2x pressen, atmen. Zwischendurch Rückmeldung von der Hebamme. Außerdem ist auch A. mittlerweile gekommen. Eine Stunde, zwei Stunden. Scheisse wie lang geht das noch?
Ich wechsle aufs Bett und in die Seitenlage. Das ist gleichzeitig erholsam und anstrengender. Mann ist immer da, obwohl ich keine Hände zum festhalten möchte, Kissen, Bettwand oder Luft geht besser. Dann laufen wir ein Stück, Toilettengang (was ein Druck!),  dann nehme ich wieder die kniende Position vor dem Bett ein. Kurz vor 12, sollte doch nicht mehr lange dauern… Presswehen veratmen um Kraft zu sparen ist auch nicht meins.

Mein Mann ist mutig und sitzt neben mir, er kann also sehen wie das Köpfchen kommt. Ich höre wie sich die drei unterhalten, Witze machen, es ist eine gute Stimmung. Ich bekomme immer wieder süssen Tee, Wasser, Traubenzucker, vor allem Zuspruch und liebe Worte und immer wieder Motivation. Zwischendurch denke ich „ja genau so wollte ich das“. Ich ärgere mich wenn mir die Luft ausgeht und ich nicht so „arbeiten“ kann wie ich eigentlich will. Der Kreislauf meldet sich auch. Aber es geht, immer ein Stückchen weiter.

Plötzlich – Hektik. Ich soll sofort aufs Bett. Ich höre „Rtw“. Trotzdem sind die Hebammen ruhig und konzentriert. Sie erklären mir alles was sie machen, jeden Handgriff. Schließlich muss doch ein Dammschnitt gemacht werden, zig mal entschuldigt sich vorher A. dafür. „Egal, holt nur das Kind raus“ denke ich. Schmerzen. Ich schreie, nein brülle was meine Lunge hergibt. Die Hebamme muss hineingreifen und mithelfen, obwohl der Kopf schon da ist. Draussen im Flur höre ich schon die Leute vom Rtw. Und dann – Kind draußen und – Stille. 12.42 Uhr und die Zeit steht still.

Bis zu diesem Zeitpunkt lief alles in meinen Augen perfekt ab und dann…

… stürmen die Sanitäter rein. Mein kleiner Schatz liegt da, wird wiederbelebt. Ein Junge. Mein Matthis. Unser Matthis!
Ich hoffe, gleich gleich holt er tief Luft. 20min vergehen. Niemand gibt auf. Ich rolle mich auf dem Bett neben A. zusammen, halte das leblose Händchen von meinem Kind und weiß nicht was ich denken soll.

Kurze Zeit später ist der Spuk vorbei. Die Menschen vom Rettungsdienst sind weg, dafür steht direkt die Kripo vor der Tür. Nun ist auch klar: der Traum wird zum Alptraum, es gibt keine Hoffnung mehr für meinen kleinen Engel.
T. kümmert sich, macht Fotos für uns, spendet Trost. Auch A. ist für uns da. Später kommt auch S. Ein wunderschöner Moment als S. zu uns herein kommt und unseren Matthis ganz liebevoll begrüßt. Wir verbringen einige Stunden mit unserem Schatz, verabschieden uns, saugen jede noch so kleine Erinnerung auf. Die Schnute vom Papa hat er, und die Finger. Süsse blonde Löckchen und eine Stupsnase, von der Mama sagt der beste Mann der Welt. Er ist so perfekt, so wunderschön. Unser Matthis.

Unterbrochen werden wir nur kurz, Leichenbeschau, von Amts wegen. Erst viel später wird der kleine Mann vom Bestatter mitgenommen. Viel später und doch viel zu wenig Zeit.

Gegen 17.30 Uhr sind wir wieder daheim. Nur nicht, wie ich der Katze morgens noch versprochen habe, zu dritt sondern zu zweit und mit ganz viel Leere und noch viel mehr Liebe.

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9 Gedanken zu „Traumgeburt mit traumatischem Ausgang

  1. Normalerweise kommentiere ich nicht im Internet und es ist wahnsinnig schwer, hier die richtigen Worte zu finden. Doch du hast wunderbare Worte für das eigentlich Unbeschreibliche gewählt, dafür möchte ich dir danken. Auch dafür, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Du liest dich so stark und liebevoll, ich bewundere sehr, dass du den Blick für das Positive behälst. Am Ende deiner Geschichte musste ich weinen – über den Verlust eures geliebten Kindes, aber auch, weil du ein sehr schönes Geburtserlebnis beschrieben hast. Mein tiefstes Mitgefühl gilt euch.

  2. Meine Liebe,
    Ich verfolge schon so lange euren weg. Erst bei Facebook, jetzt auch hier ..
    Ich kann mich nicht in deine Lage versetzen, aber du hast etwas so furchtbares so schön geschrieben !
    Ich freue mich für dich, dass du trotz so einem furchtbaren Erlebnis noch so viele Erinnerungen an die Geburt hast und das positive da raus nimmst.
    Ich wünsche dir und deinem Mann aus tiefstem Herzen ganz viel Kraft um das alles zu verarbeiten! Euer blonder Engel wird immer über euch wachen ❤️

  3. Ich wünsche dir viel Kraft das alles zu verarbeiten. Ich habe selber im Storchennest entbunden und weiß das man bei diesen Hebammen sehr gut betreut ist… Was kam denn bei der Obduktion heraus um das unfassbare vielleicht ansatzweise zu erklären??

    • Danke. Ja mit meinen Hebammen war und bin ich sehr glücklich und zufrieden. Das Storchennest war definitiv die beste Entscheidung 🙂
      Bei der Obduktion kam erstmal nichts raus. Organisch war alles in Ordnung. Die Ergebnisse der aus dem Labor können sich wohl noch eine Weile hinziehen, im Zweifelsfall sogar Monate laut Kripo =/

  4. Es ist so furchtbar und so schön zu gleich.
    Deine Worte gehen ganz tief ins Herz und haben mich unheimlich berührt.
    Danke für diesen unheimlich traurig schönen Bericht.
    Ich und bestimmt auch alle aus dem Oktober 2015 Babyclub wünschen euch für die Zukunft alles alles Liebe & Gute.
    Fühl doch umarmt. ♡

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