555 Tage ohne Matthis

20161013_163527Heute muss ich noch mal einen gesonderten Matthis-Beitrag schreiben. 1 Jahr, 190 Tage. So lange fehlt er uns nun schon, unser kleiner Junge!

Immer wenn Matthea zur Zeit etwas neues lernt oder kann, was gefühlt jeden Tag der Fall ist, wird einem so richtig bewusst, was uns mit Matthis Tod genommen wurde. Was es genau bedeutet, das lang ersehnte Kind nicht aufwachsen zu sehen, kein Lachen, kein „mamamamam“, keine Freude über Drehen, das Schüttlen eines Spielzeugs, keine Taufe – all das werden wir bei unserem Sohn nie erleben dürfen!

„Du bist so stark“ oder „Ich hätte das nicht gekonnt“ höre ich dann immer, wenn das Thema überhaupt nochmal aufkommt. Mittlerweile sind die Menschen, bis auf einige Ausnahmen, eher dazu übergegangen das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist so leicht gesagt, aber es blieb mir ja nichts anders übrig. Was hätte ich tun sollen? Ihm folgen? Ich musste ja stark sein und „es können“, ändern konnte ich an der Situation ja nichts auch wenn ich es noch so sehr gerne tun würde. Immer noch.

Natürlich habe ich lange getrauert um mein Kind und tue es immer noch. Aber gerade jetzt, wo es manchmal schwer ist eben weil einem immer wieder vor Augen geführt wird was fehlt wenn Matthea einen anstrahlt, wenn man nachts wach wird und dieses süße Wesen neben sich schlafen sieht (oder erzählen hört), wenn man lachen muss weil sie etwas lustiges gemacht hat. Man hat immer ein lachendes und ein weinendes Auge und fühlt den Stich im Herzen. Sternenkinder fehlen einfach immer, sie hinterlassen ein tiefes schmerzendes Loch.

Und viele sehen nicht, wie schwer es gerade jetzt ist. Wieviel schwerer es geworden ist. Immerhin habe ich ja jetzt „mein Kind“. Ich hab ja was ich wollte. Naja. Ich wollte ein Kind ja, aber man will immer genau dieses Kind mit dem man schwanger ist. Und ich habe nur ein Kind an der Hand obwohl ich 2x schwanger war, 2x geboren habe. Ich bin zweifache Mutter und stocke wenn mich jemand fragt „Erstes Kind?“ 😦  Matthea versöhnt mich ein wenig mit dem Schicksal, aber sie ersetzt niemals was wir verloren haben. Wir lieben sie so sehr wie wir auch Matthis lieben, doch wir können ihm nie all diese Liebe geben wie wir es bei Matthea können. Und es ist einfach nicht so, dass Trauer nach einem halben oder einem Jahr oder mit der Ankunft eines weiteren Kindes plötzlich vorbei ist. Sie verändert sich immer wieder aufs neue. (vielleicht kennt ihr die geschichte vom Trauerkind?)

In den letzten Tagen und Wochen habe ich mir darüber viele Gedanken gemacht. Und dann war da heute dieser Brief im Briefkasten. Staatsanwaltschaft – oha! Ich dachte schon wer weiß was und dann steht da „Todesermittlungssache Matthis Kratzer“… schön wenn Behörden da eine gewisse Distanz wahren können aber das war für uns eben nicht einfach nur eine  Sache. Allein das Wort, da musste ich heftig schlucken.
Und nun, 20 Monate nach dem Tod meines kleinen Jungen, kommt ein Brief, dass die Ermittlungen nun abgeschlossen sind, die letzten Stellungnahmen der Gutachter sind da. 555 Tage später dürfen wir nun die Ergebnisse mit der Staatsanwältin erörtern. Natürlich bekommen wir wie immer nichts schriftlich, Ermittlungen der Kripo dürfen wir nicht schriftlich bekommen, aber wir können anrufen. Mal abgesehen davon das ich es ein Unding finde uns Sterneneltern 20 Monate zappeln zu lassen und nach dieser Zeit mit einem kleinen Schrieb tiefe Wunden wieder aufzureißen.. nein, ich finde es unmöglich das es überhaupt SO lange dauert!

Natürlich werden wir anrufen. Natürlich wird es wohl darauf hinaus laufen das kein Grund ermittelt werden konnte. Natürlich werden wir weiterhin keine Antwort auf die Frage nach dem Warum erhalten. Natürlich werden wir ihn weiterhin sehr vermissen und natürlich hilft es kein bißchen weiter. Aber – es ist ein Abschluss. Ein Schluss-Strich unter die „Todesermittlungssache“. Und es wird Zeit das wir ihn ziehen dürfen, damit wir uns auf die Liebe zu unseren Kindern konzentrieren können ❤

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8 Gedanken zu „555 Tage ohne Matthis

  1. Du beschreibst genau das, wovor ich Angst hätte. Dass ich mit einem zweiten Kind erst wirklich erfahren würde, was wir mit Minna verloren haben. All die kleinen Entwicklungsschritte, von denen ich mir kein Bild machen kann. Und dass eben nichts wieder gut ist oder wird, „nur“ weil man ein Kind an der Hand hat. Vielleicht wird uns das ganze „Ausmaß“ unseres Verlustes auch nie bewusst werden, denn ein zweites Kind ist bei uns in weite Ferne gerückt. Die Sehnsucht nach Minna und die Trauer werden immer bleiben. Die Liebe auch.
    Was ist deine Antwort auf „Erstes Kind?“

    • Ich hab das immer irgendwie unterschätzt, hatte immer Angst eher vor den Vergleichen zwischen beiden.
      Und gut wird es eh nie wieder sein, denn nichts kann unsere Kinder zurück bringen.
      Meine Antwort ist immer nein, ich hab bereits ein Kind im Himmel, Matthea ist das erste Kind an der Hand. Einzige Ausnahme war der Geburtsvorbereitungskurs, da war ich vorsichtiger bei den Erstlingsmamis, die ich nicht verunsichern wollte.

      • Die Ausnahme im GVK verstehe ich, aber das wäre für mich ein Grund keinen weiteren Kurs zu besuchen. Es würde mir schlecht gehen, Minna zu verschweigen. Aber im Moment sieht es eh nicht danach aus, dass ich das nochmal entscheiden darf.
        Alles Liebe.

      • Das ist aber sehr traurig 😦 Ich wünsche euch trotzdem alles Gute!
        Ja ich hab mir das nicht einfach gemacht.. ich hab zwar von der Hebamme keine direkte Anweisung bekommen, hatte aber den Eindruck ihr ist es lieber das wir darüber nicht reden. Bei der Rückbildung hab ich da allerdings keine Rücksicht mehr drauf genommen.

      • „Oh das tut mir leid“… das übliche. Ich frage mittlerweile was genau ihr leid tut? Die meisten stottern dann und sagen was von alte Wunden aufreissen und so. Ich antworte dann das es mehr weh tut wenn ich meinen Sohn verleugnen muss und ich eigentlich gerne über ihn rede und es nicht leid tun muss.
        Leider tun sich die Leute eher selber leid das sie gefragt haben und sich jetzt selbst mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Es ist vllt provokativ von mir das immer zu sagen aber es ist für mich eine Form von Realität die zu mir gehört und wenn ich seinen Namen sage lebt er auch irgendwie für uns weiter. Da nehme ich keine Rücksicht auf das Wohlbefinden anderer die nach Hause gehen, ihre Kinder alle haben und sich danach nicht mehr damit auseinandersetzen müssen.

      • Respekt vor deiner Reaktion und Stärke, dich mit den Menschen auseinanderzusetzen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir den anderen helfen müssten, besser mit uns umzugehen (weil sie es ja nun mal einfach KÖNNEN, mir ginge es mit vielen Themen sicher auch ähnlich). Dass ihr Matthis´ Namen aussprecht ist so wichtig. Wie es einer meiner Bekannten schafft, über „das Erlebte“ zu sprechen, aber nie Minnas Namen zu erwähnen habe ich ja schon ausführlich beschrieben…

  2. Das is so traurig. Immer noch. Und wird es immer sein. Dennoch komme ich nicht umhin, dich und Markus zu bewundern für die Stärke, die ihr zeigt. Selbst mitten in all der Trauer, die natürlich nie verschwinden wird.

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