Mein Kind ist kein Tabuthema!

matthis-spurenDer Titel sagt alles. Ein Thema, das mich sehr bewegt und immer wieder aufregt. Das Thema Tod ist ja generell ein Thema, dass viele lieber ignorieren. Man verschliesst ja doch lieber die Augen, als sich damit auseinander zu setzen, dass jeder Mensch sterblich ist. Irgendwann trifft es jeden, mal früher, mal später. Wenn es dann ein kleines Menschlein trifft noch bevor es das Licht der Welt erblickt, dann empfinde ich das als doppelt hart. Das Thema Fehlgeburt findet nun immer häufiger den Weg ins Bewusstsein anderer, denn immer mehr Frauen sprechen darüber. Viele haben mehrere Fehlgeburten, bevor eine Schwangerschaft erfolgreich weiter geht. Darüber zu reden ist der richtige Weg. Aber wehe, du verlierst ein Kind nach den ominösen 12 Wochen, oder gar später als der 24. Schwangerschaftswoche, wenn die Kleinen ja eigentlich lebensfähig sind… oder wenn es schon ein paar Wochen gelebt hat.. oder oder.


Ich lese gerne mal bei Mütterseiten auf Facebook mit. Ich bin längst soweit, dort im Regelfall nicht mehr zu kommentieren. Zu Themen wie Stillen, Tragen, Kaiserschnitt, Familienbett hält man sich nämlich besser zurück. Sei es nun eine Mütterseite oder Müttergruppe oder das Müttertreffen vor Ort. Das Beste ist sein Ding zu machen und ansonsten lächelnd schweigen und zustimmend nicken, egal wie haarsträubend die Erzählungen anderer Mamis sein mögen. Und letztendlich macht es ja jeder so wie er es für richtig hält und nicht jeder Weg ist für jeden das richtige.

Doch beim Thema Totgeburt nutze ich die Gelegenheit und hinterlasse einen Kommentar. Es bietet ja immerhin die Chance Matthis zu erwähnen, wo sonst niemand etwas von ihm hören möchte. Und natürlich ist es eine Gelegenheit aus dem Schatten der Tabuisierung zu treten. Kinder können sterben, das passiert. Ich bin froh um jedes Posting, welches dieses Tabu thematisiert und zur Sprache bringt. Denn ich finde es wichtig und richtig darüber zu sprechen.

Doch jetzt lese ich immer häufiger von Frauen die das nicht lesen wollen. Sie nennen es Angst- und Panikmache in der Schwangerschaft, fordern eine Triggerwarnung und manche schreiben sogar „abartig“ oder „nicht schon wieder“ drunter. Ich habe auch schon gelesen, dass jemand meinte ein solches Thema hätte nichts auf einer Mütterseite verloren, denn wenn ein Kind stirbt ist man ja keine Mama mehr. Manchmal denke ich dann ich lese nicht richtig.

Ich kann verstehen das,  gerade in der Schwangerschaft, dies ein schwieriges Thema ist. Ich habe damals selbst im Geburtsvorbereitungskurs nichts erzählt bis alle entbunden hatten, um niemanden zu beunruhigen. Trotzdem bin ich nicht der Typ Mama, die ihr Kind verschweigen kann (das gibt es, aus persönlichen Gründen natürlich auch, es ist aber einfach nicht mein Weg). Wann immer mich jetzt jemand fragt „Matthea ist dein erstes Kind?“ antworte ich „Mein erstes, dass lebt“. Ich weiß, dass ich damit einige sicherlich vor den Kopf stosse, aber ich kann nicht anders. Mein Gegenüber ist dann mal kurz peinlich berührt, was mir leid tut, aber ich habe tagelang ein schlechtes Gewissen Matthis gegenüber wenn ich es nicht tue. Ein kurzer Moment gegen ein ganzes Leben. Genau das.

Was ist ein kurzer Moment gegen ein ganzes Leben? Ein kurzer Moment der Angst wegen eines Facebook-Posts gegen meine lebenslange Angst ein weiteres Kind zu verlieren? Ein kurzer Moment in einer naiven, entspannten Schwangerschaft gegen nie wieder eine Schwangerschaft ohne den Schatten des Schicksals?

Ich kann es nur schwer ertragen, dass man manchmal regelrecht verboten bekommt über sein verstorbenes Kind zu sprechen, weil das für irgendjemanden ganz eventuell schwierig ist. Einen kurzen Moment.
Und dann kommen ja noch die dummen Sprüche dazu. Da habe ich ja wirklich alles gehört:

  • Ihr könnt ja noch weitere Kinder bekommen! (ja, danke mit unserer Vorgeschichte..)
  • Stellt euch mal nicht so an, es hat ja noch gar nicht richtig gelebt. (doch, 39 Wochen in mir! und „es“ hat einen Namen!!)
  • Ihr seid doch selber Schuld, wenn ihr im Geburtshaus entbindet.
  • Ihr müsst ja irgendwas falsch gemacht haben, heutzutage bei den medizinischen Verhältnissen sterben doch keine Kinder mehr…
  • Sei froh, für irgendwas muss es ja gut gewesen sein. Am Ende wäre es behindert gewesen..
  • Wärst du mal regelmäßig zum Arzt gegangen! (bin ich doch -_-) / So gut scheint die Vorsorge der Hebamme ja nicht zu sein. (ja klar, die macht auch nix anderes als die Frauenärztin)
  • Du bist keine Mutter, wo ist denn dein Kind?! (auf dem Friedhof!)
  • Ich will davon nichts hören, ich bin schwanger und das macht mir nur Angst.
  • Du hast Fotos von einem toten Kind, das ist doch morbide? Bist du völlig bscheuert? (nein, es ist MEIN KIND verdammt)
  • Du stellst doch auch nicht ein Bild von deinem verstorbenen Großvater ins Netz! (doch, würde ich, wenn es das einzige Bild wäre das ich von ihm habe)

Und das ist nur ein Auszug. Hinzu kommen natürlich noch Aussagen zur Art und Dauer unserer Trauer, über richtig oder falsch beim Grabstein und ob man eine Leinwand mit einem Bild vom verstorbenen Bild ins Wohnzimmer hängen darf usw.
Natürlich gehe ich trotzdem meinen Weg und mein Richtig ist für andere vielleicht nicht das Wahre. Das akzeptiere ich. Ich lasse mir aber gerade in Bezug auf Matthis nicht mehr reinreden.

Wirklich? Ich bins leid! Matthis ist unser Sohn. Und er bleibt es – immer. Ich höre nicht auf von ihm zu erzählen nur weil es einige gibt welche die Augen vor der Realität lieber verschliessen möchten. Es ist meine Realiät. Die ist hart und schmerzhaft, keine Frage. Aber ich muss damit immer leben, andere nur für einen kurzen Moment. Ich werde nicht schweigen und ich finde überhaupt, dass dies der völlig falsche Weg ist. Man löst keine Probleme oder Schwierigkeiten indem man diese totschweigt oder ignoriert.

Ich verstehe, dass es Menschen gibt, die da nicht offen drüber reden können. Sterneneltern, die den Verlust gegenüber anderen nicht thematisieren wollen und können. Sterneneltern! Menschen, die dies selbst erlebt haben und denen es deshalb schwer fällt darüber zu sprechen. Aber ich muss reden, ich will reden. Es ist für mich eine Form meinen Sohn an meinem Leben teilhaben zu lassen, über ihn zu reden macht ihn ein Stück weit lebendig. Für mich. Für andere. Und das ist mir wichtig. Andere hören auch nicht auf über ihre tolle Geburt oder die Fülle ihrer Windeln und Flaschen zu sprechen, niemand nimmt Rücksicht auf die Sterneltern, aber man selbst soll immer Rücksicht nehmen. Das finde ich nicht gerade fair 😦 Mein Sohn ist kein Tabuthema! Matthis ist ein Kind, das viel zu früh gehen musste und keine Chance hatte all die Schönheiten des Lebens für sich zu entdecken. Zu lachen, zu spielen, seinen ersten Schritte zu machen, Playmobil durch die Gegend zu werfen und Kuchen zu essen. Aber er wird genauso geliebt wie seine kleine Schwester, auf die er so gut aufpasst! ❤

Advertisements

6 Gedanken zu „Mein Kind ist kein Tabuthema!

  1. Ich stimme dir völlig zu. Wir sprechen jeden Tag von und mit Minna, nennen ihren Namen. Sie ist täglich bei uns, weil sie zu uns gehört. Aber ich habe das Gefühl für sie kämpfen zu müssen, damit sie nicht vergessen wird.
    Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich doch Rücksicht nehme auf andere, z. B. bei meinen Großeltern, und wie erst kürzlich zu Minnas Geburtstag meine Oma nicht frage, wie ihr Minnas Geburtstagskuchen (den wir meinen Eltern und ihr mit der Post geschickt hatten) geschmeckt hat. Keine Ahnung, mit welchen Worten meine Eltern ihr den Kuchen (im Glas) überreicht hatten. Warum ich das tue? Ich weiß es nicht. Außerhalb der Familie geht es mir nicht so, aber da werde ich viel zu selten gefragt.

  2. Es ist immer wieder unglaublich, wie manche Menschen drauf sind. Der Tod eines Kindes ist natürlich kein leichtes Thema. Aber mit solchen Sprüchen muss (!) einem doch klar sein, wie sehr man die Eltern verletzt. Euer Mattis wird durch euch niemals vergessen. Ich hoffe dass du mit solchen Menschen nicht mehr in Kontakt kommst.

  3. Ich muss sagen das mich diese Triggerwarnungen auch nerven . Hinsichtlich vieler Tabuthemen . Ganz ehrlich das Leben ist nicht immer ein Ponyhof und wenn man zart besaitet ist sollte man vielleicht besser nicht allzu viel Zeit bei Facebook , instagram und Co verbringen .

  4. Hm, ich schätze, dass es Fremden zu sehr Angst macht oder vielleicht sogar zu sehr weh tut, an den Tod Fremder zu denken. Du selbst musst das halt wikrlich erleben, aber Andere hoffen, dass sie sich von dem Thema fern halten können. Ich finde das von den Anderen nicht richtig, aber verständlich.

    Dein Blog war auch für mich am Anfang super krass. Ich hab, als ich 2015 in die kiwu ging, angefangen Blogs zu lesen. Ich hab mich durch deinen Blog geklickt und war vollkommen geschockt, als da ohne Vorwarnung Fotos von Matthis waren. Ich hab dann einfach erst mal ordentlich geflennt, weil ich so schockiert von der Sache war. Mich hat eure geschichte den ganzen Abend noch ziemlich beschäftigt. Mir war natürlich bewusst, dass Kinder sterben können, aber deine Fotos haben die Sache für mich schlagartig sehr real gemacht. Im ersten Moment habe ich mir gewünscht, du hättest die Fotos nicht so einfach im Fliesstext eingebettet. Denn ich wollte davon verschont werden. Ich hab durch deine Erfahrungen auch sehr viel mehr Angst bekommen. Aber eigentlich ist das eine Wunsch gewesen, der mir gar nicht zustand. Du/ihr habt den Scheiß durchgemacht. Und du gibst ihn auf deinem Blog einfach nur wieder. Du musst weder online, noch im Realen leben Andere vor deiner Lebensrealität verschonen.

    Ich hoffe du hörst nicht allzu oft, dass ihr doch nun Matthea habt. Für mich hat sie nichts damit zu tun, ob du noch an Matthis denkst oder nicht!

    • Ja, ich verstehe auch, dass das ein schweres Thema ist. Aber gerade weil sich im Grunde jeder vom Thema lieber fern halten will, ist es so schwer für mich und andere Sterneneltern. Ich habe ja auch keine Vorwarnung bekommen, sondern zack: ein totes Kind. Ich konnte auch nicht erwarten, daß jetzt jeder seine Babyfotos nur unter Vorwarnung postet „Achtung lebendes Kind“. Bei mir heisst es dann nur „stell dich doch nicht so an“. Ich wäre auch gern verschont worden, aber ich konnte es mir nicht aussuchen. Deswegen nehme ich da auch kein Blatt vor den Mund. Ich kann das einfach nicht.
      Doch, leider höre ich das allzu oft mit Matthea. Das ging mit der Schwangerschaft los und zieht sich so durch.. 😦

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s